Der geplatzte Traum: Medellín

Migrationsrouten, Drogenmarkt und die Lage im Stadtzentrum

Medellín gilt heute als Symbol des kolumbianischen Wandels. Seilbahnen verbinden die einst isolierten Armenviertel mit dem Zentrum, digitale Nomaden füllen die Cafés von El Poblado und Reiseführer bezeichnen die Stadt als das „Silicon Valley Lateinamerikas“. Wenige hundert Meter von den Touristenrouten der Comuna 13 entfernt sieht der Alltag anders aus. Dort bestimmen Armut und Kriminalität das Bild.

Das Bild, das ich im Zentrum der Stadt aufgenommen habe, zeigt Menschen, die mit der Absicht aufgebrochen sind, in die Vereinigten Staaten zu gelangen, und deren Reise in Medellín endete. Sie kommen nicht weiter. Ihnen fehlt das Geld, häufig auch der Aufenthaltsstatus. Viele bleiben in den ärmsten Vierteln der Stadt.

Die Route nach Norden

Für viele Migranten aus Venezuela, Haiti, Ecuador oder afrikanischen Staaten ist Kolumbien nur eine Zwischenstation. Ihr Ziel sind die Vereinigten Staaten. Manche legen dafür Tausende Kilometer zu Fuß zurück – unter anderem durch den Darién Gap zwischen Kolumbien und Panama, einen der gefährlichsten Migrationskorridore der Welt. Auf dieser Route sind sexuelle Gewalt, Menschenhandel, Raubüberfälle und das Verschwinden von Migranten dokumentiert.

Doch viele erreichen den Dschungel gar nicht.

Sie bleiben in Städten wie Medellín. Die Ersparnisse sind aufgebraucht, die Reise hat sie erschöpft. Manche konsumieren Drogen.

Im Zentrum Medellíns ist das sichtbar. Zwischen Geschäften, Bushaltestellen und befahrenen Straßen haben sich Orte gebildet, an denen Menschen dauerhaft bleiben.

Eine Region, die die Welt versorgt

Die Zahlen der Vereinten Nationen ordnen den lokalen Drogenmarkt ein. Der Weltdrogenbericht 2026 des UNODC weist für das Jahr 2024 mehr als 4.000 Tonnen reines Kokain aus – mehr als viermal so viel wie zehn Jahre zuvor. Kolumbien stellt rund zwei Drittel der weltweiten Koka-Anbaufläche: 253.000 von 376.000 Hektar im Jahr 2023, der höchste Wert seit Beginn der UN-Erhebungen im Jahr 2001. Weltweit konsumierten 2024 schätzungsweise 25 Millionen Menschen Kokain.

Basuco, eine besonders billige Form der Kokainpaste, ist in Medellín allgegenwärtig. Chemisch handelt es sich um ein Nebenprodukt der Kokainherstellung, das Rückstände von Koka-Paste und Lösungsmitteln enthält. Für den Export ist es unbrauchbar, für den lokalen Markt günstig. Eine Dosis kostet häufig weniger als eine warme Mahlzeit oder ein Busticket. Die Droge ist vor allem unter Obdachlosen, Vertriebenen und Sexarbeiterinnen verbreitet. Im Viertel „El Bronx“ dauerten Räusche oft 24 bis 48 Stunden. Danach begann derselbe Kreislauf von Neuem.

„El Bronx“ existiert in seiner ursprünglichen Form nicht mehr. Die kolumbianische Polizei räumte das Viertel 2016 in einer groß angelegten Operation. Hunderte Einsatzkräfte befreiten dabei unter anderem Minderjährige, die zur Prostitution gezwungen worden waren. Politisch galt der Einsatz als Erfolg. Die Menschen verschwanden jedoch nicht – sie verteilten sich auf andere Teile der Stadt. Die Situation verlagerte sich. An den heutigen Sammelpunkten der Stadt findet sich dasselbe Bild.

Zahlen zur Darién-Route

Als ich diese Zeilen zum ersten Mal schrieb, war die Verschärfung der US-Migrationspolitik angekündigt, aber nicht umgesetzt. Inzwischen liegen Zahlen vor.

2023 überquerten noch über 520.000 Menschen den Darién Gap – ein Rekord. 2024 sank die Zahl um 42 Prozent auf rund 302.000. Panamas Regierung führte härtere Maßnahmen ein, darunter Grenzbefestigungen und von den USA finanzierte Abschiebeflüge. Im ersten Quartal 2025 registrierten die Behörden dann nur noch 2.831 Übertritte – ein Rückgang von 98 Prozent. Für das gesamte Jahr 2025 nennt der panamaische Migrationsdienst rund 3.100 Übertritte.

Die Bewegung endete damit nicht.

Organisationen wie R4V und das UN-Flüchtlingswerk berichten übereinstimmend, dass Migranten seither auf klandestine Land- und Seerouten ausweichen. Dort ist das Risiko für Menschenhandel, Erpressung und Gewalt deutlich höher. Die Zahl der erfassten Übertritte sinkt. Die Bewegung selbst wird dadurch schwerer messbar.

Nach Angaben der Koordinationsplattform R4V leben Ende 2025 mehr als 6,9 Millionen Venezolaner verteilt über 17 Länder der Region. Rund 2,8 Millionen davon in Kolumbien – die größte Aufnahmezahl weltweit für eine einzelne Fluchtbewegung. Für viele ist Kolumbien nicht das Ziel, sondern nur die erste Station einer Reise, die oft in Orten wie Medellín endet.

Eine Wurzel: Chocó und Nuquí

Warum Menschen überhaupt aufbrechen

Warum verlassen Menschen ihre Heimat? Wer diese Frage beantworten will, muss nicht an den Grenzzäunen Nordamerikas beginnen. Die Antwort liegt oft Tausende Kilometer weiter südlich – dort, wo Perspektiven fehlen, der Staat kaum präsent ist und der Alltag für viele zum Überlebenskampf geworden ist.

Um die Menschen zu verstehen, die ich in Medellín getroffen habe, musste ich dorthin zurückkehren, wo viele ihrer Geschichten beginnen: an die kolumbianische Pazifikküste, in den Chocó. Eine der ärmsten Regionen des Landes.

Eine Landebahn wird zum Spielfeld

Der Himmel über der Pazifikküste Kolumbiens ist schwer und dunkel. Die feuchte Luft liegt wie eine Decke über dem Regenwald. Auf der stillgelegten Landebahn von Nuquí fliegt ein Fußball durch die Luft. Mit ihm fliegt ein Traum. Ein Junge, barfuß und in zerrissenen Shorts, springt dem Ball entgegen. Für ihn zählt in diesem Moment nichts anderes.

Nuquí gehört zu den abgelegensten Regionen Kolumbiens. Viele Orte sind ausschließlich per Boot oder Kleinflugzeug erreichbar. Staatliche Infrastruktur ist kaum vorhanden. Bewaffnete Gruppen kontrollieren Teile der Region, wirtschaftliche Perspektiven fehlen vielerorts.

Die Landebahn ist der einzige offene Platz, den die Kinder hier zum Spielen haben. Es gibt keine Rasenplätze, keine Tribünen, keine Tornetze. Nur einen Ball und offenen Asphalt.

Für die Kinder ist das Spiel eine Unterbrechung des Alltags. Auf der Landebahn gelten für einige Stunden andere Regeln als davor und danach.

Leben auf Stelzen

Fünf Tage war ich in der Region des Chocó unterwegs. Fünf Tage in einer Landschaft aus Hitze, Regenwald und Wasser, in der viele Orte nur über Flussläufe erreichbar sind. Je weiter man kommt, desto mehr verschwindet der feste Boden.

Am Ende erreichte ich ein abgelegenes Fischerdorf.

Die Häuser stehen auf hohen Holzpfählen über dem Wasser. Was auf den ersten Blick ungewöhnlich wirkt, ist keine Tradition, sondern pure Notwendigkeit. Die Menschen bauen ihre Häuser seit Generationen auf Stelzen, weil das Wasser regelmäßig steigt.

Doch inzwischen verändert sich etwas. Früher kamen die Überschwemmungen mit den Jahreszeiten. Heute werden sie unberechenbarer. Flüsse treten häufiger über die Ufer, der Meeresspiegel steigt, und jedes Jahr verschwindet ein weiteres Stück Lebensraum.

Was ich dort sah, ist kein Einzelfall. Entlang der gesamten kolumbianischen Pazifikküste berichten Gemeinden von derselben Entwicklung. In der Ortschaft Imbili, nahe der Grenze zu Ecuador, erzählte Gemeindesprecher Jovanni Landazuri der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen von einem Fluss, der sein Bett innerhalb von nur fünf Jahren um mehr als 50 Meter verbreitert hat. Dort, wo früher der Fußballplatz des Dorfes lag, fließt heute trübes Wasser.

Das entspricht dem, was ich wenige Tage zuvor selbst gesehen hatte.

Wenn der Klimawandel zur Fluchtursache wird

Wer in Europa an den Klimawandel denkt, denkt häufig an schmelzende Gletscher oder Hitzewellen. Im Chocó zeigt sich die Krise anders.

Flüsse verändern ihren Lauf. Überschwemmungen zerstören Häuser. Salzwasser dringt in Böden ein und macht Landwirtschaft immer schwieriger. Ganze Gemeinden verlieren Schritt für Schritt ihre Lebensgrundlage.

Kolumbien zählt laut internationalen Hilfsorganisationen zu den Ländern mit den meisten klimabedingten Binnenvertreibungen Lateinamerikas. Überschwemmungen, Stürme und Erdrutsche zwingen jedes Jahr Zehntausende Menschen, ihre Heimat zu verlassen. Besonders betroffen ist die Pazifikküste, deren mehrheitlich afrokolumbianische Gemeinden zugleich zu den ärmsten des Landes gehören.

Ihr Anteil an den globalen Emissionen ist gering. Die Folgen treffen sie früh. Viele verlassen ihre Dörfer, wenn eine Bewirtschaftung nicht mehr möglich ist.

Wilmers Sohn

Wilmer steuert sein Kanu ruhig zwischen den Stelzenhäusern hindurch. Er kennt jeden Flussarm, jede Hütte und jede Familie. Während wir durch das Dorf fahren, erzählt er von seinem Sohn.

Vor einigen Jahren zog der Sohn in eine Großstadt, um zu studieren. Zurück kommt er nur noch selten.

„Was soll er hier? Es gibt nichts zu essen, keine Arbeit, keine Möglichkeit zu studieren – und keine Zukunft.“

Wilmers Sohn ist nicht auf dem Weg in die Vereinigten Staaten. Und doch ist er Teil derselben Bewegung. Er verlässt seine Heimat, weil sie ihm keine Perspektive mehr bietet.

Genau hier beginnt die Geschichte vieler Menschen, denen ich später in Medellín, Puerto Maldonado oder an anderen Orten Lateinamerikas begegnen sollte. Nicht an einer Grenze, sondern in einem Dorf, das langsam seine Zukunft verliert.

Menschenhandel im Amazonas: Puerto Maldonado

Nicht alle, die vor Armut, Gewalt oder politischer Verfolgung fliehen, stranden in Kolumbien. Manche kommen aus Afghanistan, Pakistan oder dem Sudan. Ihre Reise endet nicht an der Grenze zu den Vereinigten Staaten, sondern tief im Amazonas – in Puerto Maldonado, der Hauptstadt der peruanischen Region Madre de Dios.

Die Stadt gilt als Tor zum Regenwald. Touristen kommen wegen der Lodge-Hotels, der Artenvielfalt und der Nähe zum Amazonas. Puerto Maldonado zählt zugleich zu den Schwerpunkten des Menschenhandels in Peru. Der Zusammenhang mit dem illegalen Goldabbau ist dokumentiert.

Der illegale Goldabbau hat in Madre de Dios in den vergangenen Jahrzehnten massiv zugenommen. Schätzungen zufolge stammen bis zu 38 Prozent der peruanischen Goldexporte aus informellem Bergbau in der Region – ein Markt mit einem geschätzten Wert von rund drei Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig weisen laut einer Studie von USAID rund 78 Prozent der Erwachsenen in Puerto Maldonado Quecksilberwerte über den international empfohlenen Grenzwerten auf. Das Schwermetall wird bei der Goldgewinnung eingesetzt und gelangt in Flüsse, Böden und schließlich in den menschlichen Körper.

Der Goldpreis erreichte in den vergangenen Jahren neue Höchststände. Für einen Kleinschürfer kann ein einzelner Fund mehr wert sein als ein Jahreslohn in der Stadt. In Madre de Dios arbeiten Menschen aus ganz Peru und aus dem Ausland.

Zwischen 1990 und 2020 wurden allein in Madre de Dios mehr als 100.000 Hektar Regenwald zerstört. Wo der Wald verschwindet, entstehen illegale Minenlager – und mit ihnen Räume, in denen staatliche Kontrolle kaum existiert. Berichte beschreiben, wie Arbeitskräfte mit falschen Zusagen angeworben und anschließend festgehalten werden. Betroffen sind vor allem Frauen und Minderjährige.

Das Ausmaß

Die NGO Alternative Social Human Capital geht davon aus, dass mehr als 2.000 überwiegend minderjährige Mädchen in Bordellen rund um die Minenlager arbeiten müssen. Viele stammen aus einkommensschwachen Regionen der peruanischen Anden.

Eine Studie der Internationalen Arbeitsorganisation schätzte die Zahl der Zwangsarbeiter im peruanischen Amazonas auf rund 33.000 Menschen. Die Erhebung liegt einige Jahre zurück. Aktuellere Zahlen liegen nicht vor.

Der Zugang

Der Zugang war einfach. Nach kurzer Zeit lernte ich Mateo kennen. Er erklärte sich bereit, mir die Stadt zu zeigen.

Während der Fahrt sprach er über Ausländer aus Deutschland, den USA und Russland, die in die Region reisen und Minderjährige für Sex bezahlen.

Mateo fuhr mich in einem Wagen mit verdunkelten Scheiben durch Puerto Maldonado und die umliegenden Orte. Am Straßenrand standen junge Frauen in kurzen Röcken und High Heels. Viele warteten schweigend auf den nächsten Kunden.

Die Szene wiederholte sich an mehreren Straßen.

Die Aufteilung des Verdienstes

Mir wurde erzählt, dass viele der Frauen nur einen kleinen Teil ihres Verdienstes behalten dürfen. Der Großteil geht an Zuhälter, Netzwerke oder Betreiber der Minenlager.

„Hier verschwindet ständig jemand. Wer sich gegen diese Netzwerke stellt, spürt schnell die Konsequenzen.“ – Mateo

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft von Madre de Dios werden 351 Leichen einem einzigen Fundort zugeordnet, der in der Region als „der Friedhof“ bekannt ist. Die Behörde bringt die Funde mit bewaffneten Gruppen in Verbindung, die Teile des illegalen Bergbaus kontrollieren.

Die Herkunft der Betroffenen

Ein Teil der Menschen in diesen Netzwerken sind selbst Flüchtlinge.

Sie kommen aus Afghanistan, Pakistan oder dem Sudan. Ihr Ziel waren die Vereinigten Staaten. Puerto Maldonado sollte nur eine Zwischenstation sein.

Für einen Teil von ihnen endet die Reise dort. Statt weiterzureisen, arbeiten sie in den Minen oder in der Prostitution.

La Gata

Am Ende brachte mich Mateo zu La Gata. Eine ehemalige Zuhälterin. Eine Transfrau.

Jahrzehntelang organisierte sie minderjährige Mädchen für die Bordelle der Region. Heute spricht sie darüber.

„Wenn ich keine minderjährigen Mädchen organisiert hätte, hätten sie mich umgebracht.“ – La Gata

Um sich freizukaufen, musste sie nach eigenen Angaben 200.000 Soles bezahlen – umgerechnet rund 52.000 US-Dollar.

Ihre Schilderung beschreibt eine Struktur, in der auch Täter unter Druck handeln. Ein Ausstieg ist mit Kosten oder Gefahr verbunden.

Gold kennt keine Herkunft

Der größte Teil des Goldes aus Madre de Dios verlässt die Region über Zwischenhändler oder informelle Exportwege. Dort wird es häufig mit legal gefördertem Gold vermischt. Am Ende der Lieferkette lässt sich kaum noch nachvollziehen, aus welcher Mine ein Schmuckstück oder ein elektronisches Bauteil tatsächlich stammt.

Diese fehlende Rückverfolgbarkeit ist ein Merkmal des Marktes. Wer ein Schmuckstück oder ein Gerät kauft, kann die Herkunft des enthaltenen Goldes in der Regel nicht prüfen.

Die Erträge dieses Marktes verteilen sich global. Die Folgen der Förderung bleiben in Madre de Dios.

Bergbau und Belastung: Cerro de Pasco

Eine Stadt am Rand des Tagebaus

Cerro de Pasco liegt auf 4.380 Metern Höhe in den peruanischen Anden. Die Stadt entstand einst wegen ihres Rohstoffreichtums. Heute liegt sie am Rand eines Tagebaus, der über Jahrzehnte bis in das Stadtgebiet ausgeweitet wurde. Wo früher Häuser standen, liegt heute der Krater. Ganze Straßenzüge wurden dafür abgetragen.

Rohstoffe und Nachfrage

Seit der Kolonialzeit werden in Cerro de Pasco Silber, Zink und Blei gefördert. Heute gehört Peru zu den größten Produzenten dieser Metalle weltweit. Sie stecken in Smartphones, Solaranlagen, Elektroautos und nahezu jeder modernen Technologie.

Mit dem Ausbau von Batterien, Windrädern und Solaranlagen steigt die Nachfrage nach diesen Metallen.

Der weltweite Bedarf wächst. Die ökologischen und gesundheitlichen Folgen entstehen am Förderort.

Messwerte

Cerro de Pasco zählt zu den am stärksten belasteten Orten Perus. Blei, Arsen und Quecksilber gelangen seit Jahrzehnten in Boden, Wasser und Luft.

Neun von zehn Kindern im Stadtteil Paragsha weisen Bleiwerte im Blut auf, die über den Grenzwerten der Weltgesundheitsorganisation liegen. Studien zeigen außerdem deutliche Unterschiede in der kognitiven Entwicklung. Kinder aus belasteten Gebieten erreichen im Durchschnitt einen IQ von 82,5. In der nur 43 Kilometer entfernten, unbelasteten Vergleichsregion Carhuamayo liegt der Wert bei 94,8.

Mindestens 2.000 Kinder leben nach Angaben der Behörden mit chronischen Schwermetallvergiftungen. 2017 rief das peruanische Gesundheitsministerium den Gesundheitsnotstand für Teile der Region aus. Ein Jahr später wurde er verlängert.

Dokumentiert sind Entwicklungsstörungen, chronische Nierenerkrankungen, Blutarmut und Fehlbildungen. Flüsse gelten als kontaminiert, Böden verlieren an Fruchtbarkeit, Landwirtschaft ist vielerorts nicht mehr möglich.

Vor Ort

Nach kurzer Zeit begann auch mein eigener Körper zu reagieren. Zunächst waren es Kopfschmerzen. Dann Schwindel. Schließlich fiel selbst das Atmen schwer.

Ich schob die Symptome zunächst auf die Höhenlage. Immerhin liegt Cerro de Pasco höher als viele Alpengipfel. Doch je länger wir dort arbeiteten, desto stärker entstand der Eindruck, dass nicht nur die dünne Luft verantwortlich war. Staub aus dem Tagebau lag auf Straßen und Fensterbänken.

Ich konnte die Stadt nach wenigen Tagen verlassen.

Doña Marlene

Doña Marlene betreibt eines der Hotels der Stadt. Sie erzählt, dass ausländische Gäste häufig schon nach kurzer Zeit über Schwindel, Atemprobleme und Übelkeit klagen. Viele ihrer Besucher arbeiten im Bergbau oder reisen als Gutachter an.

Dann kommt sie auf die Kinder zu sprechen.

„Es sind nicht die Reisenden, um die man sich Sorgen machen sollte. Es sind die Kinder, die hier aufwachsen. Ihr Blut ist voller Blei.“ – Doña Marlene

Auf die Studien zum Thema geht sie nicht ein.

Die Nähe zur Mine

Wer durch Cerro de Pasco läuft, merkt schnell, wie nah die Menschen an der Mine leben. Der Wind trägt Staub aus dem Tagebau über Dächer, Straßen und Schulhöfe. Kinder spielen auf belastetem Boden. Erwachsene arbeiten oft ohne ausreichenden Schutz.

Die Mine ist der größte Arbeitgeber der Stadt und zugleich die Quelle der Belastung.

Stand der Maßnahmen

Seit Jahren versuchen Wissenschaftler, Umweltorganisationen und internationale NGOs auf die Situation aufmerksam zu machen. Studien werden veröffentlicht, Gesundheitsdaten erhoben, Empfehlungen ausgesprochen. Umgesetzt wurde davon bislang ein Teil.

Die Mine hat erhebliche wirtschaftliche Bedeutung, die Region hängt an den Arbeitsplätzen, und politische Entscheidungen greifen langsam. Die Belastung besteht in der Zwischenzeit fort.

Ein Muster, das sich wiederholt

Cerro de Pasco ist kein Einzelfall. Ähnliche Geschichten finden sich im Kongo beim Kobaltabbau, in Indonesien beim Nickel oder in Bolivien beim Lithium.

Der Ablauf ähnelt sich. Ein Rohstoff gewinnt an Wert, Investitionen fließen, Erträge entstehen. Die Erträge erreichen internationale Märkte, die Umwelt- und Gesundheitskosten entstehen am Förderort.

In Cerro de Pasco ist dieser Zusammenhang räumlich unmittelbar sichtbar: Die Stadt und der Tagebau grenzen aneinander.

Comas, Lima

Virgen de Guadalupe

Von Cerro de Pasco führte meine Reise nach Lima, in den Bezirk Comas. Kriminalität, Armut und soziale Ungleichheit prägen den Alltag.

Am 12. Dezember, dem Fest der Jungfrau von Guadalupe, verläuft der Tag anders.

Ein Viertel, das sich selbst aufgebaut hat

Comas entstand ab den 1960er-Jahren durch Menschen, die aus den armen Andenregionen nach Lima zogen. Sie bauten ihre Häuser auf unerschlossenem Land, häufig ohne Wasser, Strom oder asphaltierte Straßen. Vieles von dem, was heute selbstverständlich erscheint, entstand erst Jahre später – oft durch die Bewohner selbst.

Wo staatliche Strukturen fehlten, organisierte sich die Nachbarschaft selbst.

Zahlen zur Sicherheitslage

In Comas sind Drogenhandel, Erpressung und bewaffnete Überfälle verbreitet. Die landesweiten Zahlen der vergangenen Jahre zeigen folgende Entwicklung.

Bis Ende Januar 2025 registrierten die Behörden bereits 145 gewaltsame Todesfälle. Mitte März waren es landesweit 475 Tötungsdelikte – durchschnittlich ein Mensch alle vier Stunden. Präsidentin Dina Boluarte verhängte daraufhin für Lima und Callao den Ausnahmezustand.

In den ersten 24 Stunden nach Inkrafttreten wurden landesweit 15 weitere Menschen getötet.

Auch Erpressungen nehmen seit Jahren zu. Besonders betroffen sind Bezirke wie Comas und San Juan de Lurigancho. Für die Bewohner wirkt sich das auf konkrete Entscheidungen aus: welche Straßen sie meiden, wann sie nach Hause gehen.

Don Rubén

Don Rubén betreibt einen kleinen Kiosk unweit der Prozessionsroute. Süßigkeiten, Getränke und Zigaretten verkauft er hinter einem Metallgitter, wie viele Ladenbesitzer in Lima.

Er erzählt mir, dass sich die Sicherheitslage in den vergangenen Jahren weiter verschlechtert habe. Nachts gehe kaum noch jemand freiwillig auf die Straße. Auch er selbst wurde bereits Opfer eines Raubüberfalls.

Einmal im Jahr ist das anders.

Wenn am 12. Dezember die Prozession der Jungfrau von Guadalupe beginnt, verändert sich das Viertel. Musik erfüllt die Straßen. Feuerwerk erleuchtet den Himmel. Menschen tanzen bis tief in die Nacht.

„An diesem Tag passiert nichts“, sagt er. Keine Überfälle.

Die Prozession

Im Mittelpunkt der Feier steht die Prozession der Jungfrau von Guadalupe. Eine mit Blumen geschmückte Marienstatue wird durch die Straßen getragen. Menschen singen, beten und begleiten sie über Stunden hinweg. Familien schmücken ihre Häuser, Kinder laufen neben der Prozession her, Musikgruppen wechseln sich mit Gebeten ab.

Der Tag unterscheidet sich deutlich von den übrigen Tagen des Jahres.

Maria

Maria sitzt auf einem geschmückten Pferd mitten im Festzug. Musik hallt zwischen den Häusern wider, während sie mit einem Tanzpartner durch die Straßen reitet. Sie lacht. Um sie herum jubeln Hunderte Menschen.

„Hier vergisst man für einen Moment die grauen Fassaden. Das sorgt für Glück.“ – Maria

Danach

Die Prozession verändert die Lebensbedingungen im Viertel nicht dauerhaft. Viele Familien geben einen erheblichen Teil ihres Einkommens für die Feierlichkeiten aus.

Am nächsten Morgen gilt wieder der Alltag.

Für einige Stunden im Jahr funktioniert das Viertel nach anderen Regeln.

São Paulo und Rio de Janeiro

Karneval, Sichtbarkeit und Gewaltzahlen

Von Peru führte mich die zweite Reise unter anderem nach Brasilien. In São Paulo entstand während des Karnevals ein Foto.

Zwei Männer tanzen fast unbekleidet mitten auf einer gesperrten Straße. Tausende Menschen feiern um sie herum. Musik läuft über Lautsprecher, Konfetti liegt auf dem Asphalt.

Einordnung: Pride-Parade und Gewaltzahlen

Der Karneval ist nicht die einzige Großveranstaltung dieser Art in der Stadt. São Paulo ist zudem Austragungsort der größten Pride-Parade der Welt, die jährlich im Juni stattfindet. Was 1997 mit rund 2.000 Teilnehmern begann, zieht heute zwischen drei und fünf Millionen Menschen auf die Avenida Paulista. Die Veranstaltung ist im Guinnessbuch der Rekorde verzeichnet. Bei dieser Parade war ich nicht vor Ort.

Parallel dazu verzeichnet Brasilien seit Jahren die weltweit höchste Zahl tödlicher Gewalttaten gegen LGBTQ-Personen: im Schnitt rund 250 Morde pro Jahr.

Beide Befunde gelten für dasselbe Land im selben Zeitraum.

Rechtslage und Gewaltzahlen

Brasilien ist tief religiös geprägt. Gleichzeitig gehört das Land zu den offensten Gesellschaften Lateinamerikas, wenn es um öffentliche Formen sexueller Identität geht. Die gleichgeschlechtliche Ehe wurde bereits 2013 landesweit anerkannt – früher als in vielen europäischen Staaten.

Gleichzeitig werden jedes Jahr Hunderte LGBTQ-Personen getötet.

Renan

Kurz bevor ich nach São Paulo weiterreise, treffe ich in Rio de Janeiro Renan. Er beschreibt eine Praxis, die Besuchern in der Regel nicht bekannt ist.

Während des Karnevals achten einige kriminelle Gruppen darauf, ausländische Besucher möglichst nicht anzugreifen. Nicht aus Rücksicht, sondern aus wirtschaftlichem Interesse.

Der Karneval bringt Millionen Touristen ins Land. Hotels, Restaurants, Bars und Geschäfte hängen daran. Überfälle auf internationale Besucher gefährden diese Einnahmen.

Die Kriminalitätsrate der Stadt verändert sich in diesen Wochen nicht. Die Zielauswahl verändert sich.

„Sie sind arm, aber glücklich“

Während meiner Reise hörte ich immer wieder denselben Satz: „Sie sind arm, aber glücklich.“

Er fällt meist im Zusammenhang mit dem Karneval.

Die Menschen feiern. Die Einkommensverteilung, die Gewaltzahlen und der Zugang zu Arbeit ändern sich dadurch nicht.

Der Ausnahmezustand

Als der Karneval beginnt, verändert sich die Atmosphäre im ganzen Land. Straßen werden zu Tanzflächen. Musik erfüllt ganze Stadtviertel. Menschen aller Altersgruppen feiern gemeinsam.

Für einige Tage treten soziale Unterschiede im Straßenbild zurück.

Der wirtschaftliche Faktor

Der Karneval ist längst mehr als ein kulturelles Ereignis. Er ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Monatelang arbeiten Sambaschulen an Wagen, Kostümen und Choreografien. Hunderttausende Menschen verdienen direkt oder indirekt ihren Lebensunterhalt mit diesem Fest.

Auch kriminelle Gruppen haben daran ein wirtschaftliches Interesse. Renan führt die von ihm beschriebene Zurückhaltung darauf zurück.

Zwei Befunde nebeneinander

Brasilien veranstaltet die größte Pride-Parade der Welt und verzeichnet zugleich die höchste Zahl tödlicher Gewalt gegen queere Menschen. Beides ist belegt.

San Juan, Argentinien

Eine Region ohne vergleichbare Befunde

Nach mehreren Wochen Recherche in Kolumbien und Brasilien fuhr ich in den Nordwesten Argentiniens.

Die Region

Argentinien taucht international meist im Zusammenhang mit Wirtschaftskrisen, Inflation oder politischen Umbrüchen auf. Im Vergleich zu Kolumbien, Peru und Brasilien fiel mir vor allem eines auf: die geringe Dichte.

Die Straßen wurden leerer. Die Geräusche leiser. Der Verkehr verschwand. Vor mir öffnete sich eine Landschaft aus Kakteen, Felsen und endloser Weite.

Ein alter Holzwagen stand verlassen in der Hitze. Zu hören war nur der Wind.

Arbeitsbedingungen vor Ort

Argentinien ist mit fast 2,8 Millionen Quadratkilometern eines der größten Länder der Erde. Gerade in den dünn besiedelten Regionen wirkt die Landschaft grenzenlos.

Hier konnte ich die Kamera im Auto liegen lassen. In den Monaten davor war das an keinem Ort möglich gewesen.

Der statistische Befund

Argentinien kämpft seit Jahren mit Inflation, Währungskrisen und wirtschaftlicher Unsicherheit. Trotzdem unterscheidet sich das Land in einem entscheidenden Punkt von vielen seiner Nachbarn: Die Gewaltkriminalität ist deutlich geringer.

Während Länder wie Kolumbien, Venezuela oder Teile Brasiliens seit Jahren mit hohen Mordraten und organisierter Kriminalität kämpfen, bewegt sich Argentinien im regionalen Vergleich auf einem deutlich niedrigeren Niveau.

Wirtschaftliche Instabilität und Gewaltkriminalität verlaufen hier nicht parallel.

Warum dieses Kapitel hier steht

In San Juan fand ich keine Hinweise auf die Strukturen, die in den anderen Kapiteln vorkommen.

Das ist relevant für die Einordnung der übrigen Kapitel: Die dort beschriebenen Muster gelten nicht für den gesamten Kontinent.

Vor Ort

Ich verbrachte Stunden in dieser Landschaft. Ohne Handyempfang. Ohne Gespräche. Ohne Eile. Nur Wind, Licht und die Weite der Anden.

San Juan hat in diesem Text keine zweite Ebene. Es gibt hier nichts aufzudecken.

Uruguay und Rivera

Eine Grenzstadt und eine Autofahrt

Von Argentinien fuhr ich weiter nach Uruguay.

Das Land liegt zwischen Brasilien und Argentinien. Es gilt als politisch stabil und zählt zu den transparentesten Demokratien des Kontinents. Uruguay wird häufig als die „Schweiz Südamerikas“ bezeichnet.

Kennzahlen

Während viele Länder Südamerikas mit Korruption, organisierter Kriminalität und politischen Krisen kämpfen, hat Uruguay über Jahrzehnte stabile demokratische Institutionen aufgebaut. Im Korruptionswahrnehmungsindex 2025 von Transparency International, veröffentlicht im Februar 2026, belegte Uruguay Platz 17 von 182 Staaten und damit den besten Wert Lateinamerikas. Der Punktwert sank allerdings von 76 auf 73, der Rang von 13 auf 17. Transparency International begründet das unter anderem mit dem wachsenden Einfluss organisierter Kriminalität. Auch bei Bildung und Sozialpolitik liegt Uruguay im regionalen Vergleich vorn.

Im Straßenbild ist das erkennbar. Die Polizeipräsenz ist gering.

Eine Grenze ohne Grenze

Im Norden des Landes liegt Rivera. Direkt gegenüber befindet sich die brasilianische Stadt Santana do Livramento. Zwischen beiden Städten verläuft keine Mauer. Kein Zaun. Keine Schranke. Nur eine Straße.

Fußgänger überschreiten die Landesgrenze hier ohne Kontrolle.

Dieselben Wege, über die täglich Touristen, Pendler und Händler die Grenze passieren, werden für Schmuggel genutzt: für Bargeld, Waren und Menschen.

Bruno und Igor

Ich wollte die Grenze per Anhalter überqueren. Nach mehreren Stunden hielt ein Wagen mit uruguayischem Kennzeichen. Die beiden Männer stellten sich als Bruno und Igor vor. Ihre Namen habe ich geändert.

Sie sprachen fließend Englisch und erzählten von ihrem Geschäft. Sie kauften Parfüm in Brasilien und verkauften es mit Gewinn weiter.

Im Verlauf der Fahrt ergaben sich Widersprüche zu dieser Darstellung.

Etwa alle dreißig Minuten klingelte Igors Telefon. Jedes Gespräch dauerte nur wenige Sekunden und wurde auf Portugiesisch geführt. Er telefonierte über Lautsprecher. Auf dem Display waren die Kontaktbilder zu sehen: überwiegend junge Frauen.

Den Inhalt der Gespräche verstand ich nicht.

Das Abendessen

Am Abend luden mich die beiden zum Essen in Montevideo ein. Es wurde Champagner bestellt, danach weitere Getränke. Kurz darauf kamen zwei junge Frauen an den Tisch, die beide kannten.

Bruno und Igor erzählten, dass sie regelmäßig nach Brasilien reisen, um Geld an die Familien junger Frauen zu bringen, die in Miami arbeiten. Sie stellten das als Routine dar.

Im weiteren Verlauf des Abends sagte einer von ihnen:

„Ich bin kein guter Mensch.“

Ihre Darstellung

Später nannten sie einen anderen Grund für ihre Reise. Sie hätten Bargeld über die Grenze gebracht, sagten sie. Nicht für ein Unternehmen, nicht für einen Kunden, sondern für die Familien von Frauen, die für sie in den USA arbeiteten.

Kurz darauf boten sie mir Frauen an.

Ich lehnte ab und verließ das Restaurant.

Ich war zuvor fünf Stunden mit den beiden gefahren. Ihre Angaben zum Geschäft hatten sich in dieser Zeit zweimal geändert. Überprüfen konnte ich keine davon.

Sichtbarkeit

Rivera wirkt wie eine ruhige Grenzstadt.

Diese Form organisierter Kriminalität ist im Straßenbild nicht erkennbar.

Die geschilderte Kette

Relevant an dieser Begegnung ist die Struktur dahinter.

Nach ihrer Darstellung arbeiten die Frauen in Miami, das Geld geht nach Brasilien, die Übergabe erfolgt in Uruguay.

Die geschilderte Kette verläuft über drei Länder und zwei Kontinente.

Einordnung

Uruguay bleibt nach allen Indizes eines der sichersten Länder Lateinamerikas. Diese Kennzahlen erfassen Gewaltkriminalität. Transaktionen der geschilderten Art erscheinen darin nicht.

Belegen lässt sich hier nur das Gespräch selbst, nicht seine Grundlage.

Ciudad del Este, Paraguay

Handelszentrum und Ausnahmezustand

Von Uruguay führte meine Reise nach Paraguay, nach Ciudad del Este.

Schon bei der Einfahrt wirkt Ciudad del Este wie eine moderne Metropole. Glasfassaden spiegeln die Sonne, Einkaufszentren reihen sich aneinander, Hochhäuser ragen über den Paraná. Das Stadtbild erinnert eher an eine asiatische Handelsstadt als an eine südamerikanische Grenzstadt.

Wenige Straßen weiter ändert sich das. Asphalt geht in Schlaglöcher über, Stromleitungen hängen provisorisch zwischen Häusern, unfertige Gebäude prägen ganze Straßenzüge. Die beiden Zonen grenzen unmittelbar aneinander.

Das wirtschaftliche Herz Paraguays

Ciudad del Este ist nach Asunción die zweitgrößte Stadt Paraguays. Gemeinsam mit dem brasilianischen Foz do Iguaçu und dem argentinischen Puerto Iguazú bildet sie das sogenannte Dreiländereck – einen der wichtigsten Handelsräume Südamerikas.

Jedes Jahr reisen Millionen Menschen hierher, um Elektronik, Kleidung und Haushaltswaren günstiger einzukaufen als in ihren Heimatländern. Ein Großteil der Waren stammt aus Asien. Vor allem chinesische Unternehmen prägen heute das Bild der Innenstadt.

Für Paraguay ist dieser Handel ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Dieselben Transportwege werden seit Jahrzehnten auch für Schmuggel genutzt.

Die andere Seite des Handels

Ciudad del Este gilt seit Langem als einer der bedeutendsten Schmuggelknoten Südamerikas. Gefälschte Markenprodukte, unverzollte Elektronik, Zigaretten und Bargeld passieren täglich die Grenzen zwischen Paraguay, Brasilien und Argentinien.

Die Strukturen entstanden während der Diktatur Alfredo Stroessners, der Schmuggelrouten zur Absicherung der Loyalität von Militär und Polizei einsetzte.

Die offene Grenzregion erschwert Kontrollen. Legaler und illegaler Handel verlaufen auf denselben Straßen.

Eine Stadt im Ausnahmezustand

Anfang 2024 rief die Regionalregierung von Alto Paraná nach einer Serie schwerer Raubüberfälle den Ausnahmezustand aus.

Die landesweite Mordrate sank 2025 um fast 19 Prozent. Für Ciudad del Este gilt das nicht: Der Ausnahmezustand wurde hier verlängert, weil die Vorfälle nicht abrissen.

Das wirtschaftlich erfolgreichste Handelszentrum des Landes ist damit zugleich einer seiner unsichersten Orte.

Zwei Städte in einer

Auf der einen Straßenseite stehen klimatisierte Einkaufszentren mit internationalen Marken. Auf der anderen improvisierte Marktstände und unsanierte Häuser.

Der Abstand zwischen Reichtum und Armut beträgt hier wenige Meter.

Das Dreiländereck

Die Freundschaftsbrücke verbindet Paraguay mit Brasilien. Tag für Tag überqueren Tausende Menschen diese Brücke: Touristen, Pendler, Händler, Lkw. Mit ihnen bewegen sich Waren, Geld und Dienstleistungen über die Grenze.

Ein Teil dieser Warenströme erscheint nicht in offiziellen Statistiken. Das Dreiländereck gilt seit Jahrzehnten als einer der am wenigsten kontrollierten Grenzräume Südamerikas.

Das Muster des Kontinents

Medellín: gestrandete Migration. Chocó: Abwanderung. Puerto Maldonado: Menschenhandel und Goldabbau. Cerro de Pasco: Schwermetallbelastung. Comas: Kriminalität und ein Feiertag. São Paulo: Pride-Parade und Gewaltzahlen. San Juan: kein vergleichbarer Befund. Rivera: ein geschilderter Geldtransfer.

In Ciudad del Este liegen mehrere dieser Elemente räumlich dicht beieinander: legaler Handel und Schmuggel, Neubau und Verfall.

Rückblick

Beim ersten Foto in Medellín ging ich von einem Einzelfall aus. Die folgenden Kapitel zeigten wiederkehrende Muster.

Die beschriebenen Zustände stehen nicht in einem Nacheinander. Sie bestehen gleichzeitig.

Ich bin nach Lateinamerika gereist, um zu dokumentieren, warum Menschen ihre Heimat verlassen, weshalb rohstoffreiche Regionen einkommensschwach bleiben und wie organisierte Kriminalität den Alltag prägt.

Ich habe mit Betroffenen gesprochen und mit Menschen, die innerhalb dieser Strukturen arbeiten. In mehreren Fällen war beides dieselbe Person.

Die Orte im Überblick

An fast allen Orten bestanden zwei Befunde gleichzeitig.

Medellín gilt als Modell urbaner Transformation und ist Endpunkt gescheiterter Migration. Der Chocó ist Naturraum und Abwanderungsgebiet. Puerto Maldonado ist Tourismusziel und Schwerpunkt des Menschenhandels. Cerro de Pasco liefert Metalle für den Weltmarkt; neun von zehn Kindern in Paragsha haben erhöhte Bleiwerte. Comas ist ein selbst gebautes Viertel mit hoher Erpressungsrate. São Paulo veranstaltet die größte Pride-Parade der Welt; Brasilien verzeichnet die höchste Zahl tödlicher Gewalt gegen queere Menschen. Uruguay führt regionale Sicherheitsindizes an und ist Transitpunkt für Bargeld aus den USA. Ciudad del Este ist Handelszentrum und Schmuggelknoten.

Wie alles ineinandergreift

Meine Reise verlief nicht geradlinig. Sie führte von Kolumbien nach Peru, von dort nach Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay. Die Kapitel dieses Textes springen zwischen diesen Orten hin und her. Die beschriebenen Orte hängen jedoch zusammen.

Es beginnt in einem Dorf im Chocó, in dem es keine Arbeit gibt. Wilmers Sohn geht in eine Großstadt. Andere gehen weiter nach Norden. Wer unterwegs das Geld ausgeht, bleibt liegen – in Medellín, in Puerto Maldonado, an irgendeinem Ort dazwischen.

In Puerto Maldonado besteht ein Arbeitsmarkt, der keine Papiere verlangt. Das Gold aus diesen Minen wird mit legal gefördertem Gold vermischt und ist danach nicht mehr rückverfolgbar.

In Cerro de Pasco gilt das für andere Metalle. Blei, Zink und Silber gehen in Batterien, Solaranlagen und Elektronik. Die Nachfrage entsteht außerhalb der Region, die Belastung entsteht vor Ort.

In Rivera verlief die Bewegung in die andere Richtung: Geld aus Miami zurück nach Brasilien, an Familien von Frauen, die in den Vereinigten Staaten arbeiten.

In Ciudad del Este nutzen legale und illegale Warenströme dieselben Straßen, dieselbe Brücke, dieselben Lagerhallen.

Hinzu kommen politische Entscheidungen, die außerhalb der Region getroffen werden. Nach der faktischen Schließung der Route durch den Darién Gap sank die Zahl der erfassten Grenzübertritte um 98 Prozent. Hilfsorganisationen berichten seither von einer Verlagerung auf weniger dokumentierte Routen.

Menschen bewegen sich nach Norden. Rohstoffe nach außen. Geld zurück nach Süden. Waren über Grenzen hinweg. Diese Bewegungen nutzen in Teilen dieselben Routen und dieselben Kontrolllücken.

In San Juan fand ich nichts davon. Diese Zusammenhänge gelten nicht flächendeckend.

Diese Kapitel stehen nicht unabhängig nebeneinander.

Eine Frage

Das folgende Beispiel ist konstruiert. Die darin genannten Zahlen sind belegt.

Nehmen wir ein Kind aus Paragsha, dem Stadtteil von Cerro de Pasco, in dem neun von zehn Kindern erhöhte Bleiwerte im Blut haben. Es wächst dort auf. Sein IQ liegt statistisch zwölf Punkte unter dem eines Kindes aus der Nachbarregion. Die Mine ist der größte Arbeitgeber am Ort.

Sagen wir, es verlässt die Stadt. Viele tun das. Der übliche Weg führt nach Lima, in Bezirke wie Comas, die vor sechzig Jahren von genau solchen Zuwanderern gebaut wurden. Dort trifft es auf einen Arbeitsmarkt, auf dem formale Beschäftigung schwer zu finden ist, und auf ein Viertel, das zu den am stärksten von Erpressung betroffenen des Landes zählt.

Sagen wir weiter, es will nach Norden. Diese Route existiert seit 2025 praktisch nicht mehr. Die Zahl der Übertritte am Darién Gap ist um 98 Prozent gesunken. Wer es trotzdem versucht, nutzt Wege, die teurer und gefährlicher sind.

Was bleibt?

Die Anden Argentiniens bieten in dieser Region kaum Beschäftigung. Der Karneval in Brasilien dauert wenige Tage und setzt eine bezahlte Anreise voraus. Die Bilder, die im Ausland zirkulieren, beschreiben keine Erwerbsmöglichkeit.

Was messbar existiert, ist der Goldpreis in Madre de Dios. Ein Fund kann dort mehr wert sein als ein Jahreslohn. Die Minenlager fragen nicht nach Papieren. Sie liegen dort, wo staatliche Kontrolle endet. Nach NGO-Schätzungen arbeiten über 2.000 überwiegend minderjährige Mädchen in den Bordellen dieser Lager.

Diese Frage ist nicht rhetorisch gemeint. Ich kenne die Antwort nicht. Die vorhandenen Optionen sind jedoch zählbar, und ein Teil davon führt an Orte, die in diesem Text vorkommen.

Nichts davon ist neu

Die Kokainproduktion lag 2024 bei mehr als 4.000 Tonnen und damit über dem Vierfachen des Wertes von vor zehn Jahren. Die Anbaufläche in Kolumbien erreichte 2023 den höchsten Stand seit Beginn der UN-Erhebungen im Jahr 2001. Mehr als 6,9 Millionen Menschen aus Venezuela leben in der Region. Bis zu 38 Prozent der peruanischen Goldexporte stammen aus informellem Bergbau. Peru rief 2017 und 2018 den Gesundheitsnotstand für Cerro de Pasco aus. Die Übertritte am Darién Gap sanken 2025 um 98 Prozent, ohne dass die Migration endete. Brasilien verzeichnet die weltweit höchste Zahl tödlicher Gewalt gegen queere Menschen und veranstaltet zugleich die größte Pride-Parade der Welt. Ciudad del Este stand 2024 unter Ausnahmezustand.

Diese Zahlen sind erhoben, veröffentlicht und frei zugänglich. Sie stammen von den Vereinten Nationen, von Regierungen, von Hilfsorganisationen. Nichts davon ist unbekannt.

Meine Bilder belegen keine neue Erkenntnis. Sie zeigen die Orte, auf die sich diese Zahlen beziehen.

Dieser Text fasst Recherchen aus zwei Reisen zusammen. Im Dezember 2024 war ich in Peru: im Amazonasgebiet um Puerto Maldonado, in den Anden und in Lima. Von Januar bis April 2025 folgte eine rund viermonatige Reise durch Kolumbien, Brasilien, Uruguay, Argentinien und Paraguay. Ich bin per Anhalter gefahren, mit dem Kanu durch überflutete Dörfer gepaddelt und habe mit Menschen gesprochen, deren Alltag sich kaum in Statistiken abbilden lässt.

Daraus ist keine einzelne Reportage entstanden, sondern eine Reihe von Beobachtungen an neun Orten. An den meisten davon bestehen zwei Zustände gleichzeitig.

Dieser Text stützt sich auf eigene Beobachtungen, auf Gespräche vor Ort und auf Zahlen internationaler Organisationen. Die Namen mehrerer Gesprächspartner habe ich geändert oder weggelassen. Das schützt Menschen, die mir in Situationen vertraut haben, die für sie gefährlich werden könnten. Die Zitate selbst sind unverändert. Nur die Namen sind es nicht.

Quellen und Hinweise

Die in diesem Text genannten Zahlen stammen aus öffentlich zugänglichen Berichten und Erhebungen, darunter:

UNODC – Weltdrogenbericht 2026 sowie SIMCI-Erhebung 2023 (Kokainproduktion, Anbauflächen, Konsumentenzahlen)

R4V – Regionale Koordinationsplattform für Geflüchtete und Migranten aus Venezuela (Migrationszahlen der Region)

Nationaler Migrationsdienst Panamas (Zahlen zu Grenzübertritten im Darién Gap)

USAID (Quecksilberbelastung in Madre de Dios)

Staatsanwaltschaft Madre de Dios (Zahlen zu aufgefundenen Leichen)

Source International sowie peer-reviewte Studien zur Schwermetallbelastung in Cerro de Pasco

Peruanisches Gesundheitsministerium und Innenministerium (Kriminalitäts- und Todesfallstatistiken 2025)

Transparency International – Korruptionswahrnehmungsindex 2025 (veröffentlicht Februar 2026)

Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen (Bericht zur Küstenerosion in Imbili)

Die Namen mehrerer Gesprächspartner wurden zum Schutz der betreffenden Personen geändert. Die wiedergegebenen Zitate sind inhaltlich unverändert.

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